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Gaslighting am Arbeitsplatz

Aktualisiert: 21. Sept. 2023

Ist es Ihnen schon einmal passiert oder widerfährt es Ihnen vielleicht gerade, dass sich Ihre Realitätswahrnehmung aufgrund gezielter Informationen durch eine bestimmte (Vertrauens-)Person etwas „schräg“ anfühlt? Dass Sie sich zunehmend, von Woche zu Woche, von Monat zu Monat, verunsicherter fühlen und nicht mehr wissen, welcher Ihrer Erfahrungen oder Erinnerungen Sie vertrauen können und/oder wann Ihnen Ihr Verstand einen „Streich“ spielt? Und Sie infolge an sich selbst, an Ihren Fähigkeiten und der eigenen Wahrnehmung zweifeln? Vielleicht werden diese Irritationen durch nachfolgende Aussagen seitens dieser Vertrauensperson verstärkt, wie etwa: „da spielt dir deine Erinnerung einen Streich“, „das bildest du dir nur ein, das habe ich nie gesagt", "das habe ich dir schon gesagt, du hast es vielleicht nicht wahrgenommen", "ich mach mir langsam Sorgen um dich, ich will ja nur dein Bestes“ oder „sei froh, dass ich - als Einzige/r - zu dir halte und dir den Rücken stärke“.



In diesem Fall könnte es sein, dass Sie einer Person begegnet sind, die eine Seite in sich trägt, die „Gaslighting“ benötigt, um sich selbst und ihre Kompetenzen in ein besseres Licht zu stellen und sich gegenüber anderen "größer" zu fühlen. Typische Verhaltensweisen respektive systematische Manipulationstechniken der Gaslighter im beruflichen Kontext zeigen sich, in dem etwa Vorgesetzte das hierarchische „Machtgefälle“ nützen und in regelmäßigen Abständen …

  • behaupten, das „Opfer“ hätte etwas gesagt oder getan, es erinnert sich aber nicht daran,

  • heimlich Dinge am Arbeitsplatz verändern oder Gegenstände verschwinden lassen, um Betroffene gezielt in die Verunsicherung zu treiben,

  • durch verschiedene Aussagen den Eindruck erwecken, dass das „Opfer“ an aufgetretenen Fehlern oder Streitigkeiten im Team schuld sei,

  • Aufgaben an die Betroffenen übertragen und zu einem späteren Zeitpunkt behaupten, diese Aufträge würden nicht existieren oder wären nicht über die Führungskraft erteilt worden,

  • Aussagen anderer Mitarbeitenden erfinden und diese vertraulich dem „Opfer“ mitteilen, um das Vertrauensverhältnis zu den anderen Mitarbeitenden zu untergraben und/oder das Zutrauen in die Fähigkeiten sowie in das Denken und Wahrnehmen des "Opfers" in Frage zu stellen,

  • aus Versehen etwas vergessen oder den Betroffenen Informationen vorenthalten, obwohl es anderen im Team mitgeteilt wurde,

  • das „Opfer“ als hypersensibel darstellen.

  • Dinge versprechen, die sie nicht halten und regelmäßig an das Vertrauensverhältnis appellieren.

Gaslighting zielt auf das Selbstbewusstsein einer Person ab und darauf, auf subtile Art und Weise Unsicherheiten über die eigene Wahrnehmung und Intuition bei dieser auszulösen. Darüber hinaus zielt es darauf ab, Betroffene zu isolieren und in ihnen das Gefühl zu nähren, dass sie vergesslich oder unfähig sind sowie in ihrem Team alleine dastehen und niemandem außer dem/der Vorgesetzten vertrauen können. Gegenüber anderen Personen ist ein Gaslighter stets freundlich und zuvorkommend, oftmals zeigen sie auch eine geschauspielerte Machtlosigkeit, deshalb fällt es Betroffenen so schwer, diese Form der psychologischen Herabsetzung respektive psychischen Gewalt nachzuweisen und Glaubwürdigkeit im sozialen Umfeld zu erlangen. Der chronische Stress, der mit diesem Erleben einhergeht, manifestiert sich häufig in körperlichen Beschwerden wie Schlaflosigkeit und Magenschmerzen, mangelnder Lebensfreude, Depressionen und Angststörungen. Das hat nachhaltige Auswirkungen auf die Psyche, die Produktivität und das Arbeitsklima.


Gaslighter, deren narzisstische Seite recht ausgeprägt erscheint, zeigen gerne ein übersteigertes positives Selbstbild, idealisieren sich selbst und stellen ihre Großartigkeit durch Manipulation, systematischer Zermürbung und Kontrolle anderer sicher. Sie haben ein großes Bedürfnis nach Bewunderung und einen Mangel an Einfühlungsvermögen. Es fällt auf, dass die Worte oftmals nicht mit deren Handlungen übereinstimmen. Gerne projizieren sie ihr eigenes Verhalten auf andere, etwa indem sie Fehlverhalten bei anderen kritisieren, welches sie selbst ausführen. Das Beziehungsphänomen Gaslighting ist nur möglich, wenn ein Vertrauensverhältnis oder eine emotionale Abhängigkeit besteht, d. h. das „Opfer“ dem/der „Täter:in“ vertraut, wie das etwa in Liebesbeziehungen oder in Arbeitsverhältnissen der Fall sein kann. Während Mobbende oder schlecht gelaunte Vorgesetzte offen operieren, verschleiert der Gaslighter seine Absichten gekonnt im Kontext seines Machtstrebens, meist verbunden mit einer freundlich und wohlwollend wirkenden Tonlage.


Durch Gaslighting kann natürlich auch der sozialer Raum innerhalb eines Teams auf ein Minimum reduziert werden sowie destruktive Spaltungsdynamiken auftreten. Bevorzugt die Führungskraft das Führen von Einzelgesprächen, in denen unterschiedliche Informationen betreffend Aufgaben, Ziele und Regeln der Abteilung an Mitarbeitende weitergegeben werden, wird der verbale Austausch zwischen den Mitarbeitenden kontrolliert und/oder gar unterbunden und bereits oben erwähnte Verhaltensweisen auf mehrere Mitarbeitende angewendet, kann das Miteinander im Team durch Anspannung, Angst, Unwohlsein, mangelnde Offenheit und gegenseitigem Zweifel gekennzeichnet sein. Ein konstruktives Miteinander scheint kaum noch möglich, jede/r arbeitet alleine vor sich hin, scheut den offenen Austausch mit den anderen im Team und schenkt seine volle Aufmerksamkeit der Führungskraft.


Wenn Ihnen bis hierhin einiges bekannt vorkommt und Sie selbst in einer solchen Situation stecken, kann es hilfreich sein, zu allererst einen Schritt zurückzutreten, etwa mithilfe einer ärztlichen Krankmeldung. Zum einen, um Zeit zu gewinnen und mögliche Maßnahmen, wie etwa eine fachliche Unterstützung, einleiten zu können. Zum anderen, um Abstand zu gewinnen und eine „Adlerperspektive“ einzunehmen. Beispielsweise um sich selbst zu fragen, durch welches Verhalten man selbst das herabwürdigende Vorgehen der Vertrauensperson am Leben erhält? Dabei kann hilfreich sein zu reflektieren, welche Erwartungen und Bedürfnisse man in einer Beziehungen hat und inwiefern man seinen eigenen Wert durch andere definieren lässt? Darüber hinaus zu überlegen, welche eigenen Seiten verführbar sind und sich manipulieren lassen? Ebenso wo eigene Grenzen sind und wie man diese klar kommunizieren will? Oder was zu unterlassen ist, um JETZT aus der „Opferrolle“ heraus zu kommen? Des Weiteren stellt sich die Frage, was es braucht, um das Vertrauen und die Liebe in sich selbst zu stärken? Die Antworten auf diese Fragen können zur persönlichen Weiter-ent-wicklung anregen und neue Handlungsperspektiven eröffnen.


Wenn die Mehrheit des Teams betroffen ist, kann im besten Fall ein frühzeitiges, offenes Gespräch mit allen Beteiligten zu Aufgaben, Ziele und unausgesprochenen Fragen über Sinn und Zweck bestehender Regeln sowie ein offensiver Umgang mit dem Verdacht des „Gaslighting“ den Versuch „der Täterin/des Täters“ im Keim ersticken. In vielen (Einzel-)Fällen ist jedoch ein Arbeitsplatz- oder Unternehmenswechsel die einzige Möglichkeit, um genügend Abstand zum/r „Täter:in“ sowie emotionale Heilung der tiefen Kränkungen und hinterbliebenen Wunden zu erreichen.


Weiterführende Literatur:




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