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Das Erleben der Wechseljahre im Kontext einer Selbstoptimierungsgesellschaft

Aus biologischer Sicht erfahren alle weiblichen Wesen im Laufe Ihres Lebens einen altersbedingten Umbau ihres Hormonhaushalts, doch nicht alle Frauen nehmen in dieser Lebensphase Wechselbeschwerden war.



Während vorwiegend in den westlichen Industrienationen lächelnd von der 2. Pubertät der Frauen gesprochen wird, welche aufgrund des Hormonspiegels (bei vielen Betroffenen) eine Achterbahnfahrt der Gefühle sowie körperliche Veränderungen mit sich bringt, gibt es Kulturen, bei denen Frauen nicht an Beschwerden im Klimakterium zu leiden scheinen.

 

Etwa sind bei Maya Frauen, Inderinnen der Rajput-Kaste sowie Bantu-Frauen diese typischen Beschwerden nahezu unbekannt. In deren Kulturkreis werden nicht mehr gebärfähigen Frauen als weise und erfahren angesehen oder erlangen einen „höheren Status“, wodurch die soziale Stellung der Frau mit dem Alter eine gesellschaftliche Aufwertung erfährt. Ebenso zeigen Asiatinnen das Phänomen der geringen Wechseljahrbeschwerden, welches auf deren Lebensstil sowie die phytoöstrogenreiche Ernährung (etwa Sojaprodukte) rückgeführt wird. Sie bezeichnen diese Lebensphase als „2. Frühling“. Oftmals üben Frauen in traditionell oder agrarisch orientierten Gesellschaften bis ins hohe Alter wirtschaftliche Tätigkeiten aus, etwa Feld- und Gartenbau oder handwerkliche Tätigkeiten. Darüber hinaus erleben sie sich durch Teilhabe am sozialen Leben in Großfamilien meist in stabile psychosoziale Netzwerke eingebunden, weshalb sie dem Altern gelassen entgegensehen.


Im Kontext unserer Selbstoptimierungsgesellschaft neigen wir dazu, das Beste aus uns und unserem Leben zu machen – ein Leben lang! Soziologen sprechen von Optimierungsgesellschaften, da das menschliche Optimierungsbestreben eine bisher unbekannte Radikalisierung und öffentliche Präsenz erreicht hat. Um die bestmögliche Verfassung unseres Selbst zu erreichen bedarf es ständiger Verbesserung, Selbstkontrolle sowie Selbststeuerung über Rückkoppelung, etwa mithilfe von digitalen Schrittzählern oder Pulsmessern (Self-Tracking). Die eigene Wahrnehmung wird sowohl von kulturell vorherrschenden Körperidealen/-bildern als auch von Medizinmodellen beeinflusst. Beispielsweise liegt den Begriffen „menopausal“ und „postmenopausal“ aus Sicht des biomedizinischen Modells die Vorstellung zugrunde, dass Frauen in diesen Phasen als „krank“ erachtet werden, wodurch in der Wahrnehmung vieler Frauen eine gesellschaftliche Abwertung von älteren Frauen und damit verbundenen Ängsten vor dem Altern einhergehen. Dieses gesellschaftliche Leitbild respektive soziale Orientierungsmuster erschwert die Sicht auf die Lebensphase des Älterwerdens sowie den Umgang mit hormonell bedingten körperlichen Veränderungen, welche auch zur Verschlechterung eines Parameters, wie etwa der Leistungsfähigkeit, des Körperbildes oder der Schönheitsideale, führen können.


Durch diese angeführten Faktoren sind der weibliche Körper sowie die Stellung älterer Frauen immer auch Teil der jeweiligen Kultur. So wird die Wahrnehmung des höchst individuell erlebten Prozesses der Wechseljahre auch von gesellschaftlichen Normen und Sichtweisen geprägt. Zusammenfassend könnte man davon ausgehen, dass diese gesellschaftlichen Bilder sowie Zuschreibungen über Wert und Wertigkeit von Frauen in respektive nach den Wechseljahren Einfluss auf deren Körperwahrnehmung und Befindlichkeit nehmen. Wenn das Ende der Gebärfähigkeit in unserem Kulturkreis positiver besetzt werden würde, wäre die Chance größer, dass Frauen sich erlauben können, körperliche Symptome und Veränderungen der Hormonumstellung sowie des Älterwerdens „entspannter“ wahrnehmen zu dürfen.


Um zu akzeptieren wo man im Leben gerade steht kann es also hilfreich sein, sich der jeweiligen kulturellen Einflüsse bewusst zu werden, um sich dann zu überlegen, wie man dem Übergang in die neue Lebensphase mit all seinen Facetten (wie Hitzewallungen, Schlafstörungen, Gewichtszunahme und Stimmungsschwankungen) individuell und selbstwirksam begegnen möchte. Hierbei kann es förderlich sein, sich zu erlauben, sich selbst liebe- und verständnisvoll zu begegnen sowie die Bedürfnisse des eigenen Körpererlebens wahrzunehmen, zu achten und zu erfüllen. Sei es, indem wir unsere Lebens-, Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten verändern, Stress bewusst minimieren, uns Ruhephasen gönnen, bei Bedarf Meditieren, uns mit Aromaölen oder Wohlfühlmassagen verwöhnen oder uns mit bioidenten Hormonen versorgen.


 

Weiterführende Literatur:

Binder-Fritz, C (2005): Transkulturelle Perspektiven auf die Wechseljahre: Körperbilder - Körperfragen. In: Journal für Menopause 2005; 12 (2) (Ausgabe für Schweiz), S. 16 - 21. Verfügbar unter: https://www.kup.at/kup/pdf/5461.pdf (Stand 02.04.2023). 

 

Fenner, Dagmar (2020): Selbstoptimierung. Verfügbar unter: https://www.bpb.de/themen/umwelt/bioethik/311818/selbstoptimierung/ (Stand 02.04.2023).

 

Fuchs, Eva (2023): Wechseljahre erleben und hochsensibel sein? Wie Du lernst, damit umzugehen und sie für Dich als Chance zu nutzen! Verfügbar unter: https://www.femfeel.de/blog/wechseljahre-erleben-und-hochsensibel-sein (Stand 14.06.2024).


Weiterführende Hilfen:

Im Rhythmus der Hormone - Mag. Claudia Gföller, Frauengesundheit und Hormonbalance: https://wechselzeit.net.

Podcast fürs clevere Älterwerden: https://www.zeitpolster.com/podcast/.

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