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Wenn Macht über den Tod hinaus wirkt ... postmortale Beziehungskontrolle

  • Autorenbild: Impuls-Geberin
    Impuls-Geberin
  • 21. Dez. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 25. Dez. 2025

Es gibt familiäre Beziehungen, die enden nicht mit dem letzten Atemzug.

Nicht immer, weil Liebe bleibt – sondern weil Kontrolle fortgeführt wird.


In der psychotherapeutischen Praxis zeigt sich immer wieder ein Phänomen, das für Betroffene schwer zu erTRAGEN ist: eine postmortale Beziehungskontrolle. Gemeint sind Beziehungsmuster, in denen Macht, Ausschluss und Spaltung selbst über Krankheit, Sterben und Tod hinaus wirksam bleiben.


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In manchen familiären Beziehungen ist Liebe, Nähe und Zugehörigkeit nicht selbstverständlich. Sie wird gewährt – und bei Bedarf wieder entzogen. Typisch sind Konstellationen, in denen eine Person über Jahre (Schein-)Sicherheit, Nähe oder sogar eine elterliche Rolle vermittelt, diese Beziehung jedoch unausgesprochen an Bedingungen knüpft, wie etwa Loyalität, Anpassung, Verfügbarkeit sowie das Vermeiden von Grenzen.


Solange diese Bedingungen erfüllt werden, erscheint die Beziehung stabil und darf Nähe bestehen. Wer sie verletzt – durch Priorisierung eigener Bedürfnisse, wie etwa Überforderung oder durch Autonomiebestrebungen – riskiert nicht einen vorübergehenden Konflikt, sondern einen radikalen Beziehungsverlust. Ganz unter dem Motto: „Du darfst in meiner Welt existieren und wirst geliebt, solange du meine Bedürfnisse erfüllst“, wird Bindung als Machtmittel statt als Beziehungselement genutzt. In solchen Dynamiken dient Beziehung weniger der liebevollen Verbundenheit, sondern unbewusst eher dem Versuch, ein fragiles Selbstwertgefühl durch Kontrolle und Macht aufrechtzuerhalten.


Wer aus diesem Rahmen fällt, verliert nicht nur Liebe und Nähe, sondern wird aus dem Beziehungsraum gänzlich ausgeschlossen. Der Kontaktabbruch erfolgt meist konsequent - Schweigen ersetzt jedes Gespräch, Endgültigkeit jede Klärung. Reparaturversuche bleiben aus – weniger aus Verletztheit, sondern weil sie das Machtgefüge und somit die innere Stabilisierung der handelnden Person in Frage stellen würden. Selbst existentielle Ereignisse wie Krankheit oder Sterben führen nicht zu Annäherung, sondern zu weiterer Steuerung durch Ausschluss, Geheimhaltung oder gezielte Weitergabe von Bedeutung und Besitz.


Ausgeschlossene warten oftmals jahrelang auf Vergebung – ohne zu wissen wofür! Währenddessen werden sie nicht selten durch neue Vertraute, neue Ersatzkinder, neue Erb*innen „ersetzt“. Das ist kein Zeichen von Heilung, sondern von Funktionsersatz. Dabei wird nicht der Mensch ersetzt, sondern eine Rolle, etwa die der Loyalen, der Verfügbaren, der Abhängigen. Diese Ersatzbeziehungen beruhen wieder auf Bedürftigkeit einerseits und Machtgefälle andererseits – und bleiben über die Jahre hinweg meist ebenso instabil wie die Vorherigen.


Was äußerlich für Betroffene respektive Ausgeschlossene wie Bestrafung wirken mag, ist psychodynamisch gesehen etwas Grundsätzlicheres: die vollständige Auflösung der Beziehung als Mittel der Selbstbehauptung, in deren Dynamik das Leid des Gegenübers - bewusst oder unbewusst - in Kauf genommen wird, um das eigene innerer Gleichgewicht zu sichern. Nicht vorübergehender Rückzug, sondern Auslöschung ... nicht vorübergehende Distanz, sondern Beziehungsvernichtung. Der Kontaktabbruch als Machtausübung ist kein Akt des Selbstschutzes. Er dient nicht einer gesunden Abgrenzung, sondern einer bewussten oder unbewussten Demonstration von Macht und Kontrolle.


Ein zentrales Element postmortaler Beziehungskontrolle ist die Steuerung von Wissen. Die Geheimhaltung einer schweren Erkrankung oder des nahenden Todes wird zum Ausdruck von Kontrolle durch Information. Wer informiert wird, gehört zum „inneren Kreis“ und scheint bedeutsam, während die „anderen“ bewusst ausgeschlossen und implizit weiter abgewertet werden. An die Vertrauten ergeht womöglich noch der Auftrag, dass die „anderen“ weiterhin uninformiert bleiben müssen. Diese Spaltung bleibt bestehen – in einer Lebensphase, in der eigentlich Loslassen möglich werden sollte. Es gibt keine Chance auf rechtzeitige Versöhnung, die einen gemeinsamen Abschied oder gemeinsamen Übergang innerhalb des Familiensystems ermöglichen würde.


Selbst im Angesicht des Todes findet keine Inklusion statt – weiterhin zeigen sich im Familiensystem Spaltungsmechanismen. Für die Eingeweihten bedeutet das häufig schwere Loyalitätskonflikte und Schuldgefühle im Umgang mit den „uninformierten“ Familienmitgliedern. Dass es ihnen damit schlecht ergeht ist kein Nebeneffekt, sondern womöglich Teil einer erwünschten Darbietung und/oder Teil der inneren Dynamik der Versterbenden. Besonders belastend wird es, wenn der Tod selbst zur Bühne der weiteren Kontrolle wird, etwa durch Ausschluss vom Abschied, verzögerte Todesnachrichten, gezielte Erbregelungen oder irritierende Inszenierungen bei Begräbnissen. Somit wird der Tod zum letzten Beziehungsakt, zur letzten Kränkung – und zur letzten Machtdemonstration bereits Verstorbener.


Zurück bleiben Menschen ohne Abschied, ohne Erklärungen, mit Schuldgefühlen, Scham und Selbstzweifel beladen. Offene Fragen wie: "Weshalb hat es mich getroffen? Was habe ich eigentlich „falsch“ gemacht? Weshalb wurde ich rigoros ersetzt?“ bleiben unbeantwortet - für den Rest des Lebens. Ein komplizierter Trauerprozess beginnt.


Liebevoll darf diesen Personen gesagt werden, dass der Ausschluss nichts über ihren Wert aussagt. Er erzählt etwas über ein Beziehungssystem, das Liebe, Nähe und Verbundenheit nur unter Bedingungen und Kontrolle zulässt. Nicht autonome Bestrebungen zerstören solche Beziehungen, sondern die Unfähigkeit, Bindung ohne Macht und Kontrolle aufrechtzuerhalten. Die Heilung beginnt dort, wo Betroffene erkennen dürfen: „Ich wurde nicht ausgeschlossen, weil ich gering-wertschätzend gehandelt habe. Ich wurde ausgeschlossen, weil ich begonnen habe, für meine Bedürfnisse einzustehen und in meiner Bedürftigkeit nicht mehr manipulierbar war.“


So schmerzhaft es auch sein mag - solche Ausschlüsse innerhalb eines Familiensystems sollten niemals als persönliches Versagen, sondern als Akt psychischer Selbstrettung verstanden werden. Familiäre Beziehungen, die Krankheit, Grenzen oder Eigenständigkeit als Vertragsbruch definieren und dementsprechend bestrafen, sind keine gesunden und verlässlichen Verbindungen – auch wenn sie sich über Jahre so angefühlt haben.


"Manchmal heilt nicht das Gespräch, das nie stattgefunden hat,

sondern die Klarheit darüber, warum es nie stattfinden konnte."

(Quelle: Unbekannt)


Theoretische Grundlagen/weiterführende Quellen:

Kernberg, Otto (2019): Schwere Persönlichkeitsstörungen. Theorie, Diagnose, Behandlungsstrategien. 10. Aufl. Stuttgart: Klett-Cotta.

Kernberg, Otto (2015): Borderline-Störungen und pathologischer Narzissmus. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Doering, Stefan, Hartmann, Hans-Peter & Kernberg, Otto (Hrsg.) (2018): Narzissmus. Grundlagen – Störungsbilder – Therapie. Stuttgart: Schattauer.

Kohut, Heinz (1971): The Analysis of the Self. New York: International Universities Press.

Kohut, Heinz (1977): The Restoration of the Self. New York: International Universities Press.

Herman, Judith (2015): Trauma und Recovery. Die Wiederkehr des Verdrängten. 4. Aufl. Paderborn: Junfermann. (Originalausgabe: Trauma and Recovery, 1992)

Racamier, Paul-Claude (1992): Les perversions narcissiques. Paris: Payot.

Staub-Bernasconi, Silvia (2018): In: Schmocker, Beat (Hrsg.): Liebe, Macht und Erkenntnis. Silvia Staub-Bernasconi und das Spannungsfeld Sozialer Arbeit. Luzern: interact Verlag.

 
 
 

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