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„Es gibt doch viel Schlimmeres“ – der gut gemeinte Mutmacher

  • Autorenbild: Impuls-Geberin
    Impuls-Geberin
  • 10. Jan.
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 12. Jan.

In Momenten von Schmerz, Verlust oder akuter Not hören wir oft Sätze wie: „Alles wird gut“ oder: „Es gibt doch viel Schlimmeres.“ Diese Worte entstehen meist aus einem optimistischen, wohlwollenden Impuls heraus. Sie sind der Versuch zu trösten oder Mut zu machen – und manchmal auch Ausdruck eigener Hilflosigkeit angesichts des Leids eines anderen Menschen.



Aus hypnosystemischer Sicht lohnt es sich, hier innezuhalten. Denn wenn Schmerz gerade fühlbar ist, dann ist er in unserem Erleben bedeutsam und trägt eine wichtige Botschaft in sich. Und dann braucht er vor allem eines - Raum und Anerkennung.


In jedem von uns wirken unterschiedliche innere Zustände – sogenannte Ego-States ("Ich-Zustände"). In krisenhaftem Erleben meldet sich oft ein verletzter, trauriger oder gekränkter Anteil zu Wort. Dieser Anteil hat vielleicht etwas verloren, was für ihn wichtig erschien, wie etwa Sicherheit, Hoffnung, einen Menschen oder ein Bild von der Zukunft.


Natürlich weiß unser Bewusstsein meist sehr genau, dass es Schlimmeres gibt. Oder dass es irgendwann wieder besser werden wird. Und gleichzeitig gibt es da unbewusst eine Seite in uns – genau jenen Ego-State, der gerade Kränkung, Trauer oder Verlust erlebt –, der laut aufschreit, weil er in seinen Bedürfnissen gesehen und ernst genommen werden will … und ja: er darf auch einmal bemitleidet werden. Nicht, um im Leid stecken zu bleiben, sondern um innerlich erstmal anzukommen und einen Verdauungsprozess beginnen zu dürfen.


Wenn wir diesem Anteil zu früh sagen: „Alles wird gut“, kann das Angst und gleichzeitig Druck auslösen. Nicht, weil Hoffnung falsch wäre – sondern weil dieser innere Zustand fürchten könnte, dass sein Schmerz keinen Platz haben darf. Dass das, worum er noch trauert, zu schnell „weggetröstet“ werden soll. Trauer braucht Würdigung - Schmerz braucht Resonanz und keine sofortige Lösung.


Ja, natürlich gibt es immer noch etwas Schlimmeres - und gleichzeitig gilt: Der Schmerz, den ich JETZT empfinde, ist im Moment der wichtigste und stärkste Schmerz in meinem Erleben. Wenn wir ihn vergleichen oder relativieren, fühlt sich das für den betroffenen Ego-State oft wie eine Abwertung an … und es schmälert die Berechtigung, sich über das empfundene Leid zu beklagen und heilsamen Gefühlen freien Lauf zu lassen.


Hypnosystemisch betrachtet schwächen Mutmacher-Sätze nicht den Schmerz, sondern verstärken häufig den inneren Widerstand: „Ich darf so nicht fühlen.“ „Ich übertreibe.“ „Ich muss schneller funktionieren.“ Doch innere Systeme heilen nicht durch Druck, sondern durch WERTschätzung, Verständnis (WOFÜR macht es Sinn?) und dem liebevollen Umgang damit.


Gunther Schmidt spricht davon, Symptomen und herausfordernden Zuständen wertschätzend zu begegnen, um die berechtigten Anliegen oder Bedürfnisse hinter diesen Symptomen zu verstehen und zieldienlich zu nützen anstatt Symptome zu bekämpfen. Erst wenn ein innerer Anteil erlebt, dass er da sein darf, dass seine Bedürfnisse gehört und ernst genommen werden, kann er langsam zur Ruhe kommen. Dann – und erst dann – entsteht oft wieder Zugang zu Ressourcen, Hoffnung und Zukunftsbildern. Und dann darf „alles wird gut“ langsam wachsen, statt vorschnell übergestülpt zu werden.


Manchmal ist der heilsamste Satz nicht: „Alles wird gut“, sondern: „Ich höre, wie sehr es dich schmerzt oder traurig macht … und das darf jetzt auch so sein.“


Mini-Impuls:

Vielleicht möchten Sie sich einen Moment Zeit nehmen und nach innen lauschen: "Welcher innere Anteil in mir möchte gerade einfach nur gesehen, ernst genommen oder bemitleidet werden – ohne Lösung, ohne Vergleich, ohne Beschwichtigung?" Schon das aufmerksame Wahrnehmen und liebevolle Anerkennen des inneren Anteils kann entlastend wirken.


Wenn Sie mögen, können Sie folgende Mini-Übung anschließen:

  1. Schließen Sie für einen Moment die Augen und richten Sie Ihren Blick nach innen.

  2. Denken Sie an den Schmerz, die Kränkung oder den Verlust, der gerade präsent ist – nicht analysierend, sondern nur wahrnehmend.

  3. Stellen Sie sich vor, dieser Schmerz wäre ein innerer Anteil. Vielleicht erscheint er Ihnen in Form eines Bild, einer Farbe, eines Geräusches, eines Geruchs, …

  4. Sagen Sie innerlich zu diesem Anteil – in Ihren eigenen Worten:

    „Ich sehe/spüre/höre/rieche dich. Es gibt einen guten Grund bzw. ein berechtigtes Bedürfnis, dass du im Moment in meinem Leben so präsent sein willst. Du darfst jetzt da sein.“

  5. Spüren Sie einen Moment, was sich verändert, wenn nichts gelöst werden muss.


Oftmals ist genau das der erste Schritt, damit sich innerlich wieder etwas in uns beruhigen und ordnen kann, bevor wir beginnen, über uns selbst wieder hinauszuwachsen.


Weiterführende Literatur:

Harrer, Michael E./Oswald, Wolfgang, Pollani Eva /2024): Arbeit mit Persönlichkeitsanteilen in der psychodynamischen Psychotherapie. Erschienen in: Psychotherapie Forum | Ausgabe 3-4/2024 Verfügbar unter: https://www.springermedizin.at/content/pdfId/50097324/10.1007/s00729-024-00258-y (Stand 09.01.2026).


Watkins, John G./Watkins, Helen H. (2025): Ego-States –Theorie und Therapie. Ein Handbuch. 5. Auflage.





 
 
 

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